Nach Hause finden

Myriaden von Milchstraßen – ein Stern allein weist den Weg. Wie verloren kann ein Zeichen sein, um noch zu orientieren? Der eine Säugling im Futtertrog – und leere güldne Wiegen. Wie unwirtlich kann ein Ort sein, um noch ein Zuhause zu bieten?

In den gähnenden Gängen am Flughafen leben Hunderte. Rund um die Uhr. Ein Sitz reicht als Platz an der Heimat. Warm im Winter, kühl im Sommer, trocken bei Regen, sicher bei Nacht. Und diskret.

Von anderen, Wartenden, unterscheiden sie sich kaum. Millionen von Fluggästen erkennen sie nicht. Die bleiben ja nicht. Sie kommen, um zu fliegen. Sie folgen „ihrem“ Stern, der zu Erholung, Verabredung, Ausreise leitet. Wer rechnet schon mit Heimat auf dem Gang, am Straßenrand, vor einem Hauseingang, unter einer Unterführung oder in der B-Ebene.

Wer dort lebt, könnte noch beneidet werden. Von denen, die, wenn sie dort aufgegriffen würden, deutsches Land verlassen müssten. Wer mehr Glück hat, von der Ausländerbehörde für die Dauer einer Schulausbildung geduldet wird, beim städtischen Sozialamt nach einem Dach über dem Kopf fragt, wird nicht selten zu den überfüllten Baracken in den Ostpark geschickt. Geht dort Heimat noch? In einem überfüllten Dorf endet der bekannteste aller Fußwege.

Diese Geschichte jedoch wirkt anheimelnd. Deren Reiz, so scheint es, wollen sich viele von uns unbedingt und für eine Stunde pro Jahr aussetzen. Wo es so viele Stunden gibt, die voll süßer Reize sind, doch fehlen eben Körnchen von Salz oder Bitterem, die einem Plätzchenteig erst die gewisse Geschmacksnote verleihen. Ohne die hier abgewiesene, dort flüchtende Heilige Familie wäre unser gutes Leben am Ort irgendwie fade, jedenfalls ohne das, was uns am Heiligen Abend das Herz aufgehen lässt. Genuss am eigenen Heim empfinden zu dürfen, ist eines.

Ein anderes: Heimat zu verlieren. In dieser Hinsicht waren unwissentlich jene Orientalen unterwegs, die mit Gold, Weihrauch und Myrrhe aufbrachen, ohne zu wissen, dass sie sozusagen mit dem Süßen ins Bittere fanden. Mögen sie in Bethlehem ihr Ziel erreicht haben: für die besuchte Familie bedeutete die kurze Freude auch den Beginn einer fünfjährigen Fluchtgeschichte. Alle Beteiligten waren darin von einem Glauben getragen. Auf ihrem Heimweg die Weisen, Eltern und Kind bei der Flucht. Wie geschrieben steht: „Die Schwalbe hat ein Nest gefunden für ihre Küken – Dein Haus“ (Ps 84, 4).

Zuhause ist weder dort, wo jemand wohnt, noch dort, wo jemand hin will. Umgekehrt gilt: Alle könnten bleiben, wo sie sind und überall wohnen. Auf immer und ewig mit allen Nachkommen geborgen zu sein, ist eine Frage des Glaubens.

Wenn das so ist – und es ist so: Alles, was wir tun, ist Ausdruck unseres Glaubens. Glauben wir: Gottes Haus hat viele Wohnungen (Joh 14, 2), dann halten auch wir viele Wohnungen vor.Glauben wir, den Zugvögeln gleich zu sein: dann ermöglichen wir Familien, die herziehen, bei uns zu wohnen, um ihre Kinder groß zu ziehen. Wie sehr die Taten unserer Großstadt dem entsprechen, was wir glauben dürfen – reich ist unser Glaube! –, lässt sich am sozialen Wohnungsbau, an Mieten, Aufenthaltsbestimmungen, Nahverkehrspreisen, Schulen und Arbeitsplätzen ablesen. Defizite führen früher oder später zu einem Mangel an Lebensqualität für alle. Rechtzeitig nach Hause zu finden, beginnt mit Glaube, der Zeichen setzt. Alles Himmlisch Gute wünscht Ihnen zur Advents-, Christfest- und Epiphaniaszeit

Pfarrer Volker Mahnkopp

 

 

Anm. der Redaktion: der Artikel im Gemeindebrief enthält die fehlerhafte Schreibweise „Milchstrassen“ – hier hat sich der Fehlerteufel in die Redaktions-Kommunikation eingemischt und richtig zu falsch korrigiert. Wir bitten um Entschuldigung.