Nun macht mir nicht aus dem „frei sein“ ein „muss sein!“

Abendmahlsrelief um 1430 vom Sakramentshaus der ehem. Ansgarii-Kirche in Bremen. Die Spuren von Axthieben an den abgeschlagenen Köpfen der Heiligen lassen am Original (Focke-Museum) erkennen, dass dies gezielt geschah und dieses Bildwerk somit zu denen gehört, die 1582 der Reformator Christoph Pezel in Bremen zerstören oder demolieren ließ.

9. März 1522, Wittenberg. Martin Luther steht auf der Kanzel, von Sonntag bis Sonntag, an jedem Wochentag, achtmal hintereinander. Er redet der Gemeinde
ins Gewissen: Macht aus der Freiheit keinen Zwang, das ist seine Botschaft.

Das Szenario ist dramatisch. Luther ist „freiwilliger Gefangener“ auf der Wartburg, von der Kirche gebannt, vom Reich geächtet. Jeder ist in der Pflicht, ihn auszuliefern, wenn er denn dingfest gemacht werden kann. In der Zwischenzeit geht in Wittenberg alles drunter und drüber. Seine Anhänger nehmen Luther beim Wort – zumindest wie sie es verstehen. Innerhalb von wenigen Monaten und Jahren hat sich die Welt verändert. Vier Jahre ist die Sache mit den Thesen her, vor neun Monaten stand Luther vor dem Reichstag in Worms. Und jetzt: Alte Riten und Bräuche werden über den Haufen geworfen. Die Messe ist abgeschafft, beim Abendmahl erhalten alle Brot und Kelch, Bilder und Reliquienschreine werden aus der Kirche verbannt, Priester, Mönche, Nonnen verlassen
die Klöster, sie heiraten. Den Papst hält man für den Antichrist. Das eigene Gewissen entscheidet in Glaubensdingen und nicht irgendwelche Konzilien.

Die Lage spitzt sich zu: Aus Zwickau kommen sogenannte Propheten in die Stadt, sie lehnen die Kindertaufe ab, haben Visionen und können in die Zukunft sehen. Philipp Melanchthon, der für Luther in der Stadt die Stellung halten soll, ist überfordert – er ist auch noch jung, 24 Jahre. Und Luther sitzt
auf der Wartburg. Auch für den Kurfürsten ist die Lage brisant. Soll er sich öffentlich gegen Kaiser und Papst stellen und Luther in die Stadt holen? Riskantes
Spiel. Aber ohne ihn scheinen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.

Luther nimmt die Dinge selbst in die Hand. Er reist nach Wittenberg und versucht, den Konflikt zu schlichten. Acht Tage, acht Predigten: vom Sonntag Invokavit
an. Er macht alle Konflikte zum Thema: den Gottesdienst, das Abendmahl, Ehe und Ehelosigkeit, die Beichte und das Fasten. Aber es geht ihm nur um eine zentrale Aussage: Gott hat uns frei gemacht, und aus dieser Freiheit sollen wir keinen Zwang machen.

Abendmahl in „beiderlei Gestalt“, mit Brot und Kelch? Ja! Aber zwingt niemanden dazu. Bilder und Reliquien in der Kirche? Nein! Aber plündert nicht und reißt
die Bilder nicht von der Wand, wenn die Menschen das nicht wollen. Beichte? Natürlich! Aber macht keine Pflicht daraus.

Eine spannende Geschichte, doch fünfhundert Jahre her. Dass es keinen Zwang in Glaubensdingen geben soll, daran hat sich auch Luther nicht immer gehalten – und seine Nachfolger auch nicht. Nicht nur hier: die Reformationsgeschichte ist keine reine Erfolgsgeschichte und Martin Luther ist auch keine Lichtgestalt. Auf der einen Seite in seinen Vorstellungen noch tief dem mittelalterlichen Denken verhaftet, bisweilen mit einer fanatischen Konsequenz, innerlich zerrissen. Auf der anderen Seite mit Glaubensstärke, freiem Geist und zukunftsweisenden Ideen. Wir feiern in diesem Jahr nicht den „Helden“ Luther, sondern gedenken der Reformation mit allen ihren Licht- und Schattenseiten.

Und das Thema der „Invokavitpredigten“: Freiheit – kein Zwang in religiösen Dingen? Es ist so aktuell wie eh und je. Zu leicht wäre es aber, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Luther hat das seiner Kirche gepredigt. Zwingt niemanden zur Freiheit! Jede und jeder darf sich kleiden, essen, fasten, beten und glauben, wie es seinem oder ihrem Gewissen entspricht. Jeder Mensch muss seinen Glauben vor sich und vor seinem Gott verantworten können – nicht vor uns.

Online finden kann man die Invokavitpredigten unter: http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-6/invocavit-ueberblick.html

Prof. Dr. Hans-Ulrich Dallmann