„Nähme ich … und bliebe …“

Ein alter Lückentext. Wer will, ersetze die Punkte. Nähme ich meine Füße, ein Fahrrad, den Flieger – und bliebe weit weg, nah dran, mitten drin: Das Schema ist trotz wechselnder Begriffe ähnlich.

Am Anfang pocht die Sehnsucht, woanders zu sein. Bald danach setzt sich die Frage davor: Und womit komme ich hin, wo ich hin will?

Der Wagon im Bild ist als Transportmittel nicht geeignet. Er ist bloß aufgemalt. Das ist misslich.

Denn hinter der Mauer, wo er zu sehen ist, will niemand gerne bleiben. Die Container sind für Schutt, der scheinbare Nebel davor ist Staub, der von Lastwagen im Osthafen aufgewirbelt wird. Ein unwirtlicher Ort.

Wenige hundert Meter entfernt rollten einst echte Güterwagons. Gefüllt mit Obst, Gemüse und Südfrüchten. Zwölf Mal jedoch kamen andere Wagons, mit Fenstern, für viele Personen. Gar zu
gerne wären geblieben, die einsteigen mussten, um hinzukommen, wo sie nicht hin wollten.

Nach ihrer Sehnsucht gefragt wurden sie nicht. 75 Jahre später sind die Gleise entfernt, zwischen Keller und Kaimauer entstanden: ein Freizeitpark.

Nähme ich, meint künftig: Skateboard oder Bälle. Und bliebe: zum Vergnügen. Dazu passend werden Geschäfte erbaut. So viele, dass unsere Nachbarstadt fürchtet, ihre Bewohner nähmen Autos und blieben lange zum Shoppen. Die sollen aber bleiben und ihr Geld mainaufwärts ausgeben.

Absichten ganz anderer Art nehmen sich in der ältesten, bekanntesten Füllung des Textes so aus:
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich leiten … (Psalm 139, 9f)
Würde. Berührbar. Suchen wir danach, schicken wir niemanden mehr fort. Auch uns nicht.

Pfarrer Volker Mahnkopp